Paul Hunter

9 Okt

Vor genau sieben Jahren erlag Paul Hunter einem Krebsleiden. Elf Jahre hatte der „Beckham of the baize“ als Profi auf der Main Tour gespielt und mit seiner Art viele Freunde auf der ganzen Welt gewonnen. Sein großes Talent zeigte er bei den drei Masters-Erfolgen und den zwei Titeln bei den Welsh Open. Zum fünften Todestag widmet der Respotted-Blog ihm ein Porträt.

Ronnie O’Sullivan, John Higgins und Mark Williams gehören dem Goldenen Jahrgang der Snooker-Spieler an (geboren 1975). Sie dominierten Anfang der Jahrtausendwende das Spiel. Sieben der elf WM-Titel gingen an die drei Spieler. Zudem gewannen sie acht der letzten 14 Ausgaben der UK Championship.

Ob Paul Hunter (Jahrgang 1978) das Aushängeschild eines neuen Jahrgangs hätte werden können, ist schwer zu sagen. Er hatte im Vergleich zu den drei Profis auf jeden Fall noch eine andere, ganz besondere Qualität. Stetig mit einem Lächeln im Gesicht auftretend, war er einer von den Akteuren, die dem Sport neues Leben einhauchten, ihn bei der Jugend – gerade auch den weiblichen Fans – sehr populär machten.

Von diversen MC´s wurde er daraufhin als „The Beckham of the baize“ bezeichnet und das lag nicht nur daran, dass er eine ganze Generation für den Sport gewann. Auch seine langen blonden Haare, die er gerne modisch stylte, ließen diese Assoziation aufkommen. Die englische Times schrieb seinerzeit, dass sich bei den China Open gerade die „I love Paul Hunter“-Shirts bei den weiblichen Fans großer Beliebtheit erfreuten.

„Das ist ein ganz trauriger Moment für dieses Spiel. Paul hat das Snooker sexy gemacht“, wurde Ken Doherty zum Tode von Hunter einst von der Süddeutschen zitiert. Neben diesen Qualitäten war Hunter natürlich auch ein hochbegabter Snooker-Spieler, gewann das prestigeträchtige Masters drei Mal und holte drei weitere Titel bei Ranglistenturnieren. Am 09. Oktober 2006 – fünf Tage vor seinem 28. Geburtstag – erlag er nach langem Kampf dann einem Krebsleiden.

Ein Weltmeister als Förderer

Am 14. Oktober 1978 wurde Hunter in Leeds geboren. Mit seinem Vater Alan reiste er quer durch die Lande, um an diversen Junioren-Turnieren teilzunehmen. Schnell wurde klar, dass der junge Paul ein außergewöhnliches Talent besaß. Er gewann Turniere am Fließband und hatte im früheren Weltmeister Joe Johnson (1986) und Jimmy Michie später zwei Förderer, von denen er lernte.

Schon im Alter von zwölf Jahren hatte sich Hunter durch seine guten Leistungen einen Namen gemacht und gewann den ersten Titel mit 14, als er zusammen mit Richard Brooke die English Doubles Championship gewann. Als „teenage professional“ konnte sich seine Siegesserie sehen lassen und so kassierte er nur eine Niederlage in 37 Matches.

Ob seiner Klasse spielte er vornehmlich gegen ältere Jungs, und da seine Gegner meist schon Profis waren und dementsprechend die Schule schon verlassen hatten, waren sie nicht unbedingt die Vorbilder, die ein Junge in seinem Alter gebraucht hätte. „Das Problem war, dass ich so gut war, um zu der Zeit schon Profi zu werden“, erklärte er im Interview mit der BBC.

„Aber man musste mindestens 16 sein. Meine älteren Freunde, die ich im Training regelmäßig schlug, wurden alle Profis. Da habe ich die Schule dann auch verlassen.“ Im Juli 1995 war dann aber auch seine Zeit gekommen und er wurde wie erwartet Profi.

Alan McManus kein Gradmesser für Hunter

Dass er gut genug war, um es mit den Großen des Sports aufzunehmen, bewies er vier Monate später. In der ersten Runde der UK Championship schaltete er Alan McManus aus – zwischenzeitlich immerhin die Nummer sechs der Weltrangliste. Und nur ein Jahr später wurde er nach Siegen über Chris Small und Stephen Hendry der jüngste Spieler aller Zeiten, der das Halbfinale eines Ranking Events erreichte. Im Halbfinale der Welsh Open unterlag er dann John Parrot.

Seit jener Zeit war er ständiges Mitglied auf der Main Tour und entwickelte eine ganz besondere Beziehung zu den Welsh Open, die er zweimal gewann – erstmals 1998. In dem Jahr schaltete er bei seinen Matches Top-16-Größen wie Steve Davis, Peter Ebdon, Nigel Bond und Alan McManus aus. Und im Finale wartete mit John Higgins ebenfalls eines der großen Talente des Snooker. Der Wizard of Wishaw hatte in der Saison 1994/95 drei Ranglisten-Events gewonnen und sicherte sich 1998 seinen ersten WM-Titel.

Hunter gewann das Finale mit 9:4 und holte sich sieben der letzten acht Frames. Als er dann auch noch das Halbfinale der UK Championship erreichte, kürte man ihn zum Young Player of the Year. Dank seiner Erfolge lag er bereits auf Platz 43 der Weltrangliste und sein Aufstieg ging steil nach oben. Abseits des Sports musste Hunter zunächst jedoch Lehrgeld zahlen – gerade was sein Leben als Person des öffentlichen Lebens anging.

Drogen, Sex und der Boulevard

1999, nach der Feier seines 21. Geburtstages, bekam er beispielsweise während des Grand Prix in Bournemouth eine Strafe wegen des Konsums von Cannabis aufgebrummt und so wurde auch die Boulevard-Presse auf ihn aufmerksam. Allerdings hatte er seine Lektion (das Preisgeld und die Punkte wurden ihm aberkannt) gelernt und zeigte sich seitdem als verantwortungsvoller Profi. Mit der Jahrtausendwende konzentrierte er sich komplett auf sein Spiel und den Sport.

Ob seiner offenen und freundlichen Art machte er sich zudem kaum Feinde, unterschätzte aber hier und da seinen Status. So auch im Jahr 2001, als er erstmals das Finale des Masters erreichte und es auch gewann. Und hinter diesem Erfolg steht eine ganz besondere Geschichte. Im Finale führte Fergal O’Brien bereits mit 6:2 und Hunter war nicht bei der Sache.

Sein Manager Brandon Parker animierte ihn daraufhin zu Plan B. Dies war keine einstudierte Taktik, sondern das B stand für „bonk“ – umgangssprachlich war damit Sex gemeint. „Sex war wirklich das Letzte, woran ich gedacht habe“, so Hunter gegenüber der BBC.

„Aber es musste etwas passieren. Es war eine schnelle Nummer, die vielleicht zehn Minuten ging. Aber danach habe ich mich großartig gefühlt. Sie (Lindsey Fell/d. Red.) ging dann ins Bad, während ich eine Zigarette geraucht habe. Danach habe ich einfach traumhaft gespielt, vier Centuries in sechs Frames geschafft und leicht und locker gewonnen.“

Die Liebe zum Masters

Dreimal gewann er das Masters (2001/ 2002/ 2004) und war neben Stephen Hendry und Cliff Thorburn einer von drei Spielern, die das Masters mindestens drei Mal gewannen. Bei jedem seiner Erfolge musste er einen Rückstand aufholen und als nächsten Gegner traf es Mark Williams, der bereits mit 5:0 in Führung gelegen hatte. Der dritte Erfolg ging über Ronnie O’Sullivan, der sich beim 7:2 schon als sicherer Sieger wähnte.

Keine Frage, dass Plan B bei jedem seiner Erfolge zum Einsatz kam. Natürlich war dies ein gefundenes Fressen für die Presse und sein Image war gefestigt. Später erklärte er der BBC: „Die meiste Zeit über fühle ich mich gar nicht als Sex-Gott. Um ehrlich zu sein, habe ich mich noch nie so gefühlt.

Aber irgendwie kommt immer jemand vorbei und begrüßt mich als Sex-Pot oder fragt mich, ob ich nicht der Snooker-Spieler bin, der Sex mit seiner Freundin in der Pause hatte. Niemand fragt mich, ob ich nicht der dreimalige Masters-Champion oder die Nummer vier der Welt bin. Sie wollen immer nur diese Geschichten hören.“

Doch gestört hat es ihn nie, wie er der BBC – die Zigarette locker zwischen den Fingern haltend – erklärte. „Ich bin ein träger Sack. (…) Ich bin einfach ein normaler Kerl aus Leeds. Dazu habe ich das normale Leben eines 25-Jährigen gelebt. Vielleicht will ich ein Weltmeister sein, aber ich bin genauso daran interessiert, einen Drink zu nehmen und eine Zigarette zu rauchen – tja und auch hier und da eben ein wenig Sex zu haben. Keine große Sache, aber manche Menschen machen da ein riesen Ding draus.“

Freude für Jimmy White

Seine Natürlichkeit war sicherlich einer der Gründe dafür, dass er bei Spielern, Offiziellen und Fans so beliebt war. Ob es nun bei den China Open 2005 war, als er lieber Autogramme gab, anstelle zu einer Pressekonferenz zu gehen, oder seine sportliche Art. Rolf Kalb erklärte gegenüber der Süddeutschen: „Bei Niederlagen hat er seine Gegner gelobt, bei Siegen hat er sie getröstet.“

So auch bei der Players Championship im Jahr 2004 in Glasgow. Im Finale unterlag Hunter Jimmy White und freute sich einfach mit dem Whirlwind, der erstmals seit elf Jahren wieder eine Trophäe in die Luft stemmen durfte. Zu Jimmy White hatte Hunter in den Jahren auch eine enge Freundschaft aufgebaut.

White, der es in seiner großartigen Karriere verpasst hatte, die WM zu gewinnen, war auch einer seiner großen Vorbilder. Und so wurden Erinnerungen wach, als Hunter im Jahr 2003 das Halbfinale der WM im Crucible erreichte und dort Ken Doherty auseinander zu nehmen drohte. Doch trotz einer 15:9-Führung verlor er mit 16:17 und war sich nicht zu schade, den Iren nach der Niederlage zu umarmen und ihm viel Glück für das Finale zu wünschen.

Diesen herben Rückschlag verdaute Hunter jedoch ohne Probleme und erklärte dem Guardian vor der WM 2004: „Natürlich wäre es fantastisch, die WM in diesem Jahr zu gewinnen. Aber auch wenn es nicht klappt, ich werde eines Tages Weltmeister sein. Können Sie sich vorstellen, wie Jimmy White sich fühlt, nachdem er es nie geschafft hat, diesen Titel zu gewinnen? Er war mein großes Vorbild, als ich ein Kind war. Aber ich will nicht, dass so etwas mir passiert.“

Die Zeit der Rückschläge

Bei der WM unterlag er in Runde zwei jedoch seinem besten Kumpel Matthew Stevens mit 12:13, doch das Highlight sollte noch kommen, denn nur drei Monate später heiratete er seine Freundin Lindsey auf Jamaica. Allerdings sollte es nicht lange dauern, bis das junge Glück mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert wurde.

Denn ob seiner häufig auftretenden Magenschmerzen wurde bei Hunter schließlich Krebs im Darm diagnostiziert. Bei einem Event in China erklärte er sich gegenüber seiner Kollegen. „Paul nahm mich beiseite und zusammen mit zwei Flaschen Vodka besprachen wir die Sache“, erklärte White gegenüber dem Independent.

Paul Hunter unterzog sich einer Chemotherapie und verlor mit seinen Haaren auch sein Markenzeichen, der Humor blieb ihm aber treu. Als er in der ersten Runde der WM 2005 an Michael Holt scheiterte, erklärte er: „Ich habe weniger Haare, als Willie Thorne.“ Trotz seiner Probleme, die mit der Krankheit und der Behandlung einhergingen, kehrte er auch in der folgenden Saison auf die Main Tour zurück.

Doch die mittlerweile zweite Chemotherapie sorgte dafür, dass Paul Hunter mit Nebenwirkungen zu kämpfen hatte. Aufgrund von Problemen mit seiner Sehfähigkeit war er chancenlos und fiel im Laufe der Saison aus den Top 32. Bei sechs Teilnahmen an Ranking Events gewann er lediglich ein Spiel und besiegte Jamie Burnett mit 9:8 bei den UK Championship.

Sein letztes Spiel bestritt er bei der WM, als er Neil Robertson unterlag und mit stehenden Ovationen verabschiedet wurde. Zwar wollte er seine Karriere fortsetzen und hatte auch den Kampf angenommen, doch ein erneuter Rückfall verhinderte seine Teilnahme an der Saison 2006/07. Immerhin änderte die World Snooker Association ihre Satzung und fror die Punkte für die Weltrangliste ein, sodass er bei einer Rückkehr wieder auf Platz 34 hätte einsteigen können.

Seine Gesundheit hatte sich jedoch mehr und mehr verschlechtert und an eine Rückkehr auf die Main Tour war nicht mehr zu denken. Mitten in die dunklen Tage fiel dann aber die Geburt seiner Tochter Evie Rose (26. Dezember 2005). In ihrem Buch „Unbreakable“ (Mein Leben mit Paul) schrieb Lindsey:

„Am 26.Dezember wurde Evie Rose geboren. In der Zeit der Dunkelheit und der Angst vor dem Tod mit all dem Schmerz und den Sorgen hatten wir neues Leben erschaffen. In der ersten Woche haben wir alles zu Dritt unternommen und kaum das Haus verlassen. Ich wäre die glücklichste Person der Welt, wenn ich diese Woche noch einmal erleben könnte.“

Viel Zeit konnte die junge Familie nicht mehr zusammen verbringen, denn mit Hunters Gesundheit ging es rapide bergab. Er wusste, dass er sterben würde und am 9. Oktober 2006, kurz vor seinem 28. Geburtstag, erlag er seinem Leiden.

Anteilnahme aus der ganzen Welt

Die Snooker-Welt nahm Anteil und das Kondolenzbuch im Internet quoll über ob der Vielzahl an Einträgen von Fans rund um die Welt. In Fürth wurden die German Open in Paul Hunter Classic umbenannt und World Snooker benannte seither den Newcomer-Preis nach ihm. „Er war ein unglaublich netter Kerl, der es sich niemals mit anderen Menschen verscherzt hat. Er wollte einfach nur das Spiel spielen“, so Stephen Hendry.

Matthew Stevens, der ein enger Freund von Hunter und auch einer der Sargträger war, erklärte auf matthew-stevens.han.ks.ua: „Ich denke, niemand kommt so leicht mit dem Tod seines besten Freundes zurecht und ich habe es immer noch nicht ganz verarbeitet. Jedes Turnier wird nun schwierig zu spielen sein, denn wir haben dort immer viel Zeit miteinander verbracht. Es wird einsamer werden. Ich vermisse ihn und Snooker vermisst ihn auch. Er war ein populärer und sehr liebenswürdiger Kerl.“

Das Abschlusswort soll noch mal seiner Frau Lindsey gehören, die nach seinem Tod schrieb: „Ich werde seine Liebe in meinem Herzen behalten, solange ich lebe. Ich wünschte, ich könnte ihm sagen, dass auch wenn ich gewusst hätte, wie unser Leben verlaufen wäre: Ich würde Dich wieder nehmen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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